Geschriebenes: E-Mail an ein Pflegeheim

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Geschriebenes: E-Mail an ein Pflegeheim

Hallo zusammen!

In diesem Beitrag möchte ich euch eine Art offenen Brief an den Chef eines Pflegeheims zu lesen geben. Die nachfolgenden Zeilen habe ich für jemanden aus meinem engsten Bekanntenkreis verfasst. Sie handeln von seinem Schwiegervater, der im Alter an Demenz erkrankt ist. Die Idee für diese E-Mail entstand im Gespräch mit einer Vermittlerin für Pflegekräfte doch leider wurde die Mail nie abgeschickt. Nach dem Tod des erwähnten Schwiegervaters wollte man einfach mit der Situation abschießen, was für mich vollkommen verständlich ist. Da ich aber möchte, dass dieser Text gelesen wird und vielleicht von jemand anderem genutzt werden kann, stelle ich ihn hiermit öffentlich. Wer möchte, kann die nachfolgende E-Mail für den privaten Gebrauch gerne kopieren, verändern oder erweitern. Ich denke, dass ich in der E-Mail etwas anspreche, dass jedem in irgendeiner Weise bewusst ist, aber das gekonnt ignoriert wird. Jetzt aber erst einmal zu dem Text:

 

Sehr geehrter Herr XXXXX,

in der Zeit vom XX. Mai bis XX. Juni 201X war mein pflegebedürftiger Schwiegervater Xxxxxx Xxxxxx in Ihrem Heim untergebracht. Ihr Heim war quasi eine Zwischenstation zwischen der Intensivstation und der Pflege zuhause. Meinen Schwiegervater in seiner Situation zu sehen, war für meine Familie eine schwere Zeit. Hilflos daneben zu stehen und zuzusehen wie der geliebte Vater und Großvater täglich etwas mehr von seinem Sein verliert, hat das Ganze noch erschwert. Was mich in dieser Zeit aber überrascht hat, war die Fürsorge Ihres Pflegepersonals.

Durch tägliche Besuche konnten ich regen Kontakt zu ihren Angestellten herstellen und ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen: Ihr Pflegepersonal hat etwas, dass ich bei einigen der 30 Leute, die unter mir arbeiten, vermisse: Ihr Personal zeigt Fürsorge, kümmert sich selbstständig um zu erledigende Arbeiten und geht einen Schritt vom eigentlichen Weg ab, um das Beste für Ihre Kundschaft, sprich: meinen Schwiegervater, zu erreichen. Ich weiß nicht, wie oft Sie ihr Personal loben, sie sollten es aber definitiv häufiger tun!

Nachdem die Zeit meines Schwiegervaters bei Ihnen vorbei war, wurde er zu uns nach Hause verlegt. Hier kümmerte sich eine ungelernte Kraft aus Rumänien annähernd den ganzen Tag um ihn. Dabei ist etwas passiert, dass keiner in unserer Familie für möglich gehalten hat. Es fing an, ihm wieder besser zu gehen. Er wurde täglich fünf Mal gefüttert, sein dementes, wieder in Rumänien lebendes Hirn konnte mit der Frau rumänisch sprechen, was ihm ein sichtliches Glücksgefühl gab und die nette Art dieser Frau, half ihm auch an schlechten Tagen. Hier waren wir inzwischen so weit, dass er die Pflegekraft, die er nur wenige Wochen kannte, seiner Familie bevorzugte.

Mir ging hier ein Licht auf und ich bemerkte etwas, dass die meisten Menschen ignorieren. Es ging nicht darum, wer ihn pflegte, es ging darum, dass jemand da war. Im gleichen Gedankengang fiel mir auf, dass mein Schwiegervater in Ihrer Einrichtung an Gewicht verloren hat und seine geistigen Aussetzer bei Weitem schlimmer waren, als sie es jetzt sind. Viele sagen, dass ein Leben in geistiger Demenz kein richtiges Leben mehr ist, ich kann Ihnen aber sagen, dass mein Schwiegervater durch die Pflegekraft so nahe am Normalzustand ist, wie er nur sein kann.

Wenn wir jetzt diesen Gedanken einmal weiterspinnen, was können Sie aus meiner Botschaft lesen? Woran liegt es wohl, dass der Zustand meines Schwiegervaters in Ihrer Einrichtung nicht dem entsprach, von dem ich bei einer professionellen Altenpflege ausgehe? Denken Sie, dass es an den Pflegekräften liegt? Ich glaube das nicht. Dieses Problem rügt aus höheren Ebenen, an Menschen wie Ihnen. Sie sind der, der entscheidet, wie der Etat verteilt wird.

Ich appelliere hiermit an Sie, dass sie sich bewusst dazu entscheiden, mehr Geld für Ihre wichtigste Ressource auszugeben: Die Menschen, die Ihre Einrichtung am Leben erhalten. Es ist völlig logisch, dass eine Frau innerhalb von acht Stunden, keine 30 Mäuler füttern, 20 Betten beziehen und 25 Menschen hinterherwischen kann. Das geht einfach nicht, es ist nicht möglich.

Ihr erster Gedanke wird sein: „Dann sollen die schneller arbeiten!“, aber denken Sie wirklich, dass das der richtige Weg ist? Bemerken Sie in der letzten Zeit vielleicht häufigere stress- und krankheitsbedingte Ausfälle? Bekommen Sie Beschwerden, weil einzelne Patienten nicht perfekt versorgt wurden? Denken Sie doch einmal nach, worin die Steigerung dieser Probleme ergründet werden könnte? An der Begeisterungsfähigkeit und Motivation des Personals vermutlich nicht, mein Eindruck würde davon sehr abweichen. Das Problem ist in einem Wort ausgedrückt die Überbelastung, unter der Ihre Mitarbeiter leiden.

Ich habe diverse Pflegekräfte von A nach B rennen sehen und Dinge in purer Eile erledigen, damit diese Dinge einfach vor Feierabend erledigt sind. Wie soll unter einem solchen Zeitdruck auf die Menschen, die in IHREN Betten liegen, eingegangen werden? Ist Ihr Business für Sie nur noch eine Geldmaschine, bei der die Patienten wie Hühner auf der Stange versorgt werden? Was war der Grund dafür, dass Ihre Einrichtung eröffnet wurde? Können Sie sich noch an die grundsätzlichen Regeln bzw. den Ethikkodex eines Pflegers erinnern? Haben Sie überhaupt schon einmal davon gehört?

Ich will Sie in diesen Zeilen nicht beleidigen, sondern Ihnen die Augen öffnen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich war mit dem Service zufrieden, aber: Er könnte besser sein. Mein Schwiegervater ist das beste Beispiel dafür.

Diese Email habe ich nicht auf Geheißen einer Ihrer Mitarbeiter geschrieben, sondern aus freien Stücken. Ich will, dass die Welt sich verändert, langsam und beständig, wie sie es sowieso tut. Mir geht es dabei hauptsächlich um die Richtung, in die wir uns als Gemeinschaft bewegen. Denken Sie, dass sich auf mittel- bis langfristig eine Besserung der Situation einstellen wird, wenn nichts unternommen wird? Sehen Sie eine Möglichkeit, dass Ihr größtes Gut – Ihre Angestellten – langfristig zufrieden mit ihrer Arbeit sind? Ich rede hier nicht von einer Lohnerhöhung, sondern anderen Arten des Ausgleichs für Ihre Angestellten. Das kann mit einer größeren Belegschaft, weniger Arbeitsstunden oder der Versorgung einer kleineren Patientengruppe realisiert werden. Die Entscheidungsfreiheit liegt bei Ihnen.

Für gewöhnlich, holt ein Kunde bei Ihnen seinen Patienten ab und ab diesem Zeitpunkt ist es dem Kunden egal, was in Ihrem Pflegeheim passiert. Ich möchte allerdings nicht so sein. Man sagt, dass alle großen Veränderungen mit etwas Kleinem angefangen haben, diese E-Mail kann diese Kleinigkeit sein. Für mich, war es eine Kleinigkeit sie zu schreiben, aber ab hier, liegt es in Ihren Händen.

Auf Ihre Stellungnahme zu meiner Nachricht freue ich mich jetzt schon. Hier wird Raum zur Diskussion eröffnet und es ergibt sich die Möglichkeit, das Arbeits- und daran gekoppelte Privatleben Ihrer Mitarbeiter zu verbessern. Gerne können Sie mir auch einen Ansprechpartner in höherer Ebene nennen, ich bin aus vollsten Stücken dazu bereit, mich mit demjenigen in Verbindung zu setzen.

 

Mit freundlichen Grüßen

 

Jemand

PS:

Ich möchte behaupten, dass die Kernaussage des Textes auf viele Sektoren in unserer Gesellschaft übertragen werden kann. Seien das Erzieher, Krankenschwestern, Pfleger oder Lehrer. Überall beschweren sich die ausführenden Kräfte über steigenden Stress, höhere Anforderungen bei weniger verfügbarer Zeit und die Kompensierung von Problemen auf dem Rücken der „untersten Ebene.“ Mit dieser E-Mail möchte ich meinen Lesern aufzeigen, wo wir (meiner Meinung nach) mit der bestehenden Denkweise in Deutschland stehen und ich möchte eine Frage in den Raum werfen: „Wo soll es hin gehen?“ Meiner Meinung nach sollte die „Ressource Mensch“ anders behandelt werden, als es derzeit der Fall ist. Ich spreche hier auch erstmal nur über Menschen, die direkt mit anderen Menschen arbeiten – Industrie und Handwerk außen vor gelassen. Ich spreche hier von denen, die jedem in Deutschland ansässigen Menschen im Laufe seines Lebens begegnen – Jeder hatte eine Erzieherin im Kindergarten, jeder hatte Lehrer und Lehrerinnen, die mit oftmals zu großen Klassen überlastet waren und jeder ist ab und an krank und benötigt ein Krankenhaus oder Pflege – in irgendeiner Weise.

Für mich zieht sich die oben genannten Frage wie ein roter Faden durch das genannte Problem: „Wo soll es hin gehen? – Wenn wir es weiter so betreiben wie wir es tun, wird es irgendwann kaum mehr Menschen geben, die freiwillig die oben genannten Berufe ergreifen – oder etwa nicht? Wie würde die Welt dann aussehen? Warum investieren wir nicht einen größeren Teil in unsere Zukunft – wie unsere Kinder und ihre Bildung. Warum ehren wir nicht die Menschen, die in der Vergangenheit unsere Gegenwart aufgebaut haben und geben ihnen das, was sie im hohen Alter für ein bestmögliches Leben benötigen? Wie wird die Welt aussehen, wenn meine Generation ins hohe Alter gekommen ist?

Eine solche Zukunft sollte sich vielleicht jeder einmal selbst ausmalen und für sich entscheiden, ob ihm diese Zukunft gefällt – oder ob er sie verändern möchte.

Übrigen schreibe ich auch lustige Sachen, zum Beispiel mein „Brief an eine Brauerei“ oder meine Kurzgeschichte über das „Leben in großen Städten„.

 

C-L

 

 

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