Kurzgeschichte: Montags kann ich schlafen

Geschriebenes: Brief an eine Brauerei
25. September 2017
Deutschland: Nürnberg
29. Januar 2018

Kurzgeschichte: Montags kann ich schlafen

Hier lest ihr eine meiner wenigen Kurzgeschichten. Geschrieben habe ich sie vor etwa zwei Jahren, allerdings in den letzten Tagen vollständig überarbeitet. Früher hieß sie „Ich liebe Großstädte“. Das Thema habe ich hinter mir gelassen, habe umformuliert und eine kürzere, knackigere Geschichte entstehen lassen. Liken, Teilen und Weitererzählen ist übrigens ausdrücklich erwünscht! 

Viel Spaß mit:

Montags kann ich schlafen

Von periodischen Schlägen gegen meine Schlafzimmerwand wurde ich geweckt. Verwirrt streckte ich meinen Kopf nach oben und orientierte mich. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, was vor sich ging: Ich hatte eine neue Nachbarin, zumindest hatte mir das der Hausmeister im Aufzug erzählt. Sie war in etwa in meinem Alter und in seinen Worten: „Ein scharfes Gerät“. Gesehen hatte ich sie allerdings noch nicht. Ich legte meinen Kopf wieder auf das Kissen und starrte an die Decke. Das frequente Geräusch wurde stetig lauter und schneller, erreichte nach wenigen Minuten seinen Höhepunkt und verstummte. Ich stöhnte erleichtert, drehte mich zur Seite und schlief wieder ein.

In den Tagen danach fing es früh am Abend an und gab nachts Ruhe. Da war es noch okay. Das Geräusch war zwar in der ganzen Wohnung zu hören und ich konnte kaum fernsehen, wenn ihre Show lief, doch konnte ich durchschlafen. Eine Zeit lang klopfte es dann immer nach dem abendlichen Spielfilm, wenn ich einschlafen wollte. An manchen Tagen hielt das Geräusch nahezu eine Stunde an, manchmal nur wenige Klopfer.
Dann war einige Nächte Ruhe, aber es war die Ruhe vor dem Sturm. Dann kam nämlich dieses eine, extreme Mal, in der es mitten in der Nacht urplötzlich laut knallte und nicht mehr aufhören wollte. Ich dachte, ein Heimwerker wolle einen neuen Durchgang in die Wand zimmern. Von da an geschah es wochenlang jede Nacht, außer montags. Gesehen hatte ich sie noch immer nicht.

Ich wusste nicht, was ich tun sollte, ich war doch so schüchtern. Ich konnte nicht einfach klingeln und einem scharfen Gerät ins Gesicht sagen, dass es bei ihr zu laut knallt. Vielleicht hätte ich gekonnt, wenn ich nicht so müde gewesen wäre, aber der Schlafentzug zermürbte mich. Stattdessen erzählte ich meinem Kumpel Otto in einem Telefonat davon. Er war mit dem Rucksack im Ausland unterwegs und ich saß deswegen ständig alleine zu Hause herum. Er war mein einziger Freund in der großen Stadt, in die ich wegen des Studiums gezogen und wegen der Arbeit geblieben war.

Er kannte mich gut und wusste, dass ich zwar eine große Klappe haben konnte, aber es kaum schaffte, zwei vollständige Sätze zu einer Frau zu sagen. Ich konnte meiner Nachbarin auch keine Notiz unter der Tür durchschieben, schließlich würde sie sofort wissen, wer sie geschrieben hatte, und das war mir peinlich, vor allem nach der langen Zeit. Also harrte ich aus und schlaflose Wochen zogen ins Land. Gesehen hatte ich sie nach wie vor nicht, verschlafen dafür häufig. Entweder ich wurde nachts geweckt und ging mit dicken Augenringen zur Arbeit, oder ich benutzte Ohrstöpsel und hörte meinen Wecker nicht. Es wurde zu einem Guerilla-Krieg, den ich kampflos verlor.

Ich rätselte, welchen Beruf sie wohl ausübte. Es klopfte immer nachts, manchmal am Morgen. Tagsüber war kaum etwas zu hören. Mit der Zeit hatte ich angefangen ihr nachzuspionieren und hing oftmals am Türspion. Nie sah ich den gleichen Mann mehr als einmal an meiner Wohnungstür vorbei zum Aufzug laufen. Sie, hatte ich aber nach wie vor nicht zu Augen bekommen.

So flogen die Wochen vorüber. Ich fluchte, sobald der Wecker klingelte, ging müde zur Arbeit und verbrachte den Abend vor dem Fernseher beziehungsweise am Türspion, um wenigstens einmal einen Blick auf die Nachbarin zu erhaschen. Der Hausmeister hatte mir erzählt, dass sie zurzeit Locken hatte und nneuoch schärfer aussah. Es wurmte mich, dass ich selbst nach Monaten nicht wusste, wer neben mir wohnte. Ich kannte die alte Dame, die unter mir lebte, lief ständig den beiden anderen Familie, die mit mir auf dem Stockwerk wohnten, über den Weg, doch Frau Zambrano, so stand es auf ihrem Türschild, kannte ich nicht.

Irgendwann kam Otto von seinem ausgedehnten Trip wieder zurück. Wir trafen uns innerhalb der nächsten Tage und er erzählte von den vielen Dingen, die er erlebt hatte. Fremde Kulturen kennengelernt, konnte gebrochen Spanisch sprechen und hatte endlos viele Abenteuer mit neuen Menschen erlebt. Ich konnte hauptsächlich von diesem verdammten Geräusch erzählen. Otto lachte, wusste aber sofort Abhilfe. Wir sollten auf die Piste gehen, mir eine Frau besorgen und ich den Spieß umdrehen. Ich belächelte die Idee, noch bevor er sie ausgesprochen hatte. Mir fiel es schwer, mich in der Arbeit mit den Kolleginnen zu unterhalten. Eine abzuschleppen schien aussichtslos. Das hatte ich schon vor vielen Jahren aufgegeben. Trotzdem überredete er mich.

Am nächsten Freitag gingen wir dann in eine neue Kneipe, die Otto ausprobieren wollte. Sie hatte während seiner Reisezeit eröffnet und bestach durch gute Musik und neumodische Designmöbel. Wir setzten uns direkt an die Bar, unterhielten uns und tranken. Otto freundete sich schnell mit den beiden Bedienungen an und zog mich natürlich mit ins Gespräch. Runde für Runde lernten wir die beiden Damen besser kennen. Die rothaarige mit den schönen Sommersprossen war Eva und die schwarzhaarige mit dem dunklen Teint stellte sich als Carmen vor. Wir verstanden uns blendend. Je später der Abend wurde, desto öfter tranken die beiden mit uns mit. Die Gespräche wurden ausgelassener und wir amüsierten uns prächtig. Die beiden kümmerten sich wunderbar um uns, schmissen Runden und ließen sich auch von uns einladen, natürlich gaben wir immer viel Trinkgeld.

Nach ihrer Schicht setzten sie sich zu uns und wir kamen immer mehr ins Gespräch. Es drehte sich um alles Mögliche: Hobbys, Musik, Filme. Als wir die letzten Gäste in der Bar waren, beschlossen wir, dass die Nacht noch jung war und wir noch in einen anderen Club gehen sollten. Es war inzwischen vier Uhr morgens, doch hatten noch genügend Lokalitäten offen. Also marschierten wir ein paar Straßen weiter, zahlten den Mädels den Eintritt und beschlagnahmten erst einmal die Tanzfläche. Ich tanzte zum ersten Mal, größtenteils dem Alkohol geschuldet. Für gewöhnlich bewegte ich meinen schlaksigen Körper höchstens zum Kühlschrank oder mal zum Döner holen. Als wir uns ausgetobt hatten, nahmen wir Platz an einem leeren Tisch und unterhielten uns. Carmen setzte sich neben mich, während Eva neben Otto Platz nahm.

Wir redeten uns über unsere Wünsche und das Leben. Augenscheinlich hatten Carmen und ich ähnliche Interessen und wollten so ziemlich das Gleiche. Irgendwann waren Otto und Eva verschwunden, doch wir blieben sitzen, tranken und redeten bis zum Sonnenaufgang. Es war unbeschreiblich schön und ich spürte jedes Mal, wenn ich wieder Getränke holte, wie ich mich mehr in das Mädchen mit den schwarzen Haaren verliebte. Wir verstanden uns blind, so etwas hatte ich noch nie erlebt. Das Schönste war, als sie schüchtern und mit einem unwiderstehlichen Blick fragte, ob ich mit zu ihr kommen wollte – natürlich wollte ich. Mein Herz klopfte!

Auf dem Weg zu ihr nahmen wir die U-Bahn und stiegen zufällig an meiner Haltestelle aus. Ich machte mir allerdings keine Gedanken, schließlich gab es in meinem Viertel viele Hochhäuser, in denen Carmen leben konnte. Merkwürdig wurde es, als sie vom Gehsteig auf den Kiesweg in die Richtung meines Hochhauses einbog. Trotzdem blieb ich ruhig und sagte nichts. Als sie die Eingangstür zu meinem Hochhaus aufsperrte, blieb ich immer noch cool, denn es wohnten etliche Parteien in dem Gebäude, und ich kannte nur wenige davon. Als sie im Fahrstuhl jedoch den Knopf für mein Stockwerk drückte, rutschte mir das Herz in die Hose. Als sie mich dann an meiner Wohnungstür vorbeizog und die Tür nebenan aufsperrte, wusste ich nicht mehr, was ich sagen sollte. Das musste ich auch nicht, denn ich hatte ihre Lippen auf meinen. Es war eine wunderschöne Nacht und die erste, in der mich das Klopfen alles andere als störte.

Nachdem Carmen eingeschlafen war, schlich ich mich aus der Wohnung und ging in meine. Ich musste mit alldem erst einmal klarkommen und verbrachte den nächsten Tag mit Fernsehen auf der Couch. Durchgehend überlegte ich, ob ich einfach Klingeln und Hallo sagen sollte. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie mochte und ob sie etwas mit mir unternehmen wollte. Doch schob ich es auf den nächsten Tag. Ich wollte sie schließlich nicht überfordern und meine Schüchternheit war wieder deutlich zu spüren, ähnlich wie mein Kater vom vielen Alkohol. Ich verbrachte den Tag gefühlsduselig und dachte mir eine gemeinsame Zukunft aus und darüber nach, ob ich ihr meine Nummer hinterlassen hätte sollen.

Abends legte ich mich ins Bett, nahm meinen Mut zusammen und beschloss, dass ich am nächsten Tag klingeln würde. Ich überlegte mir passende Wörter und wollte ihr Zeit geben, um sich ihrer Gefühle bewusst zu werden. Wir würden sehen, wohin unsere gemeinsame Zukunft führen würde. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht schlief ich ein.

Irgendwann in der Nacht hörte ich wieder dieses Klopfen. Dieses Mal war es jedoch viel lauter als sonst, zumindest fühlte es sich so an. Es hämmerte direkt auf meinem Herzen und zertrümmerte es. Offensichtlich waren ihre Gefühle anders als meine. Ich dachte, ich hatte eine Frau fürs Leben gefunden, allerdings war ich nur einer von vielen.

Das ist jetzt zwei Wochen her. Ich kann noch immer nicht ordentlich schlafen. Bin voller Liebeskummer und das Klopfen macht es nicht einfacher. Ich hätte das gottverdammte Bett von der Wand wegschieben sollen, als ich die Gelegenheit dazu hatte. Keine Ahnung, ob ich sie jemals wieder ansprechen werde, nach allem, was ich gehört habe. Vielleicht muss ich umziehen, bei der Wohnungssituation aber beinahe unmöglich.

Wisst ihr eigentlich, warum ich montags schlafen kann? Ich habe nachgesehen. In ihrer Bar ist Montag Ruhetag.

 

Wenn ihr mehr Lesen wollt, schaut euch die anderen Beiträge auf meinem Blog an, stöbert in den Leseproben der illustrierten Bücher, meines Romans Mitternachtssonne oder schnuppert in meinen Gedichten.

 

C-L

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