Leseprobe Mitternachtssonne


Kapitel 1

Es war ein harter Tag, ein richtig harter Tag. Einer der Tage, an denen gemachte Männer einfach ins Bett fallen und sofort schlafen. Ein Tag, an dem die meisten Menschen mittags schon genug haben und nur noch nach Hause wollen. Für mich war es ein Tag wie jeder andere. Ich hatte schon schlimmere, aber auch viele bessere. Besonders war dieser Tag trotzdem. Ich wusste es nur noch nicht. Ich hatte es nicht kommen sehen, niemand hätte das gekonnt.
Ich war beinahe zu Hause, in meinem kleinen Appartement in Londons schönem Stadtteil Camden und konnte endlich raus aus der stickigen U-Bahn, die in dem ungewöhnlich heißen Sommer viel zu überlaufen war. Es roch nach Schweiß, der sich mit dem Geruch des alten Mauerwerks vermischte und zu einer undefinierbaren Kombination wurde. Hier konnte man Menschen aller Schichten beobachten. Vom gestriegelten Anzugträger mit Aktentasche zu kunterbunt gekleideten Transvestiten, über hochschwangere Frauen bis hin zu Punks in dreckigen und zerrissenen Klamotten mit obligatorischer Bierdose in der Hand. Die Bahn fuhr in meine Endstation ein und öffnete die Türen. Eilig verließ ein Menschenstrom den Zug und presste sich entlang der wartenden Passanten. Ich drückte mich an den unzähligen Menschen vorbei und lief direkt auf das „Way Out“ Schild zu. Dabei passierte ich einen Straßenmusikanten, der versuchte, ein paar Münzen in der U-Bahn zu verdienen. Danach stieg ich die Treppe nach oben und zahlte meine Fahrt mit der Karte. Endlich konnte ich nach draußen an die frische Luft.
Von der Haltestelle bis zu meiner Wohnung waren es nur fünf, vielleicht sechs Minuten zu Fuß. Ich genoss den kurzen Spaziergang so gut ich konnte. Die warme Brise, die mir um die Nase wehte, die laute Rockmusik, die aus einer Menschenmenge vom Platz gegenüber zu kommen schien und die Möwen, die sich auf der Straße über die Müllsäcke hermachten. London wie es leibt und lebt. Nichts Ungewöhnliches, in meinen Augen aber wunderschön.
Meine Wohnung lag im Keller in einer der bunt bemalten Seitenstraßen der High Street. Ich mochte die unzähligen Graffitis, die hin und wieder über Nacht an den Wänden erschienen und die Stadt schöner und einladender wirken ließen. Hier konnte man das Leben atmen, es war immer laut und voller Eindrücke aus aller Welt. Hier fühlte ich mich wohl und konnte nach einem langen Arbeitstag perfekt abschalten. Ich war als Totengräber auf dem Highgate Cemetary beschäftigt.
Wie ich zum Totengräber wurde? Eine lange Geschichte. Geboren und aufgewachsen war ich im Norden Deutschlands. Erzogen von religiösen Eltern in einem unbekannten Dorf mitten im Nichts. Durch großen Druck meiner Eltern hatte ich nach der Realschule eine Ausbildung zum Krankenpfleger mit Auszeichnung beendet und einige Jahre lang im gleichen Krankenhaus gearbeitet. Für mich war das allerdings nicht das Leben, das ich wollte. Ich machte es einfach nur meinen Eltern recht. Eigentlich wollte ich Künstler oder Musiker werden, spielte deswegen oft Gitarre, zeichnete gerne und versuchte mich hier und da als Schauspieler. Es reichte jedoch nur für das alljährliche Theater im ländlichen Schützenheim, in dem ich Mitglied war. Im Allgemeinen wohl ein normales Leben ohne große Höhen und Tiefen und ohne nennenswerte Ereignisse. Tief in mir wollte ich aber aus diesem Einheitsbrei ausbrechen und weg aus der Kleinstadt, in der ich inzwischen wohnte, elf Kilometer von wo ich aufgewachsen war. Unter der Woche und oftmals am Wochenende ging ich allerdings meiner Arbeit nach. An freien Tagen hieß es feiern bis in die Morgenstunden, wohl um meinem tristen Alltag zu entfliehen, ich weiß es nicht. Hier gaben sich Alkohol und Drogen, beziehungsweise Medikamente, die Klinke in die Hand. Ich war während der Arbeit und am Wochenende ständig high auf irgendwelchen Mitteln. Seit man mir nach der Ausbildung den Schlüssel zum Medizinschrank anvertraut hatte, war entweder das Krankenhaus oder der dauerhaft zugedröhnte Nachbarsjunge mein Dealer. Es war zwar nicht immer etwas verfügbar, ich kam aber über die Runden und konnte gut damit leben.
Mein Aussehen war meiner Meinung nach durchschnittlich und ich glich bestimmt keinem Model, bei der Damenwelt kam ich aber trotzdem gut an. Den Grund dafür konnte ich mir selbst nicht erklären. Allerdings fand ich selten ein Mädchen, das mich für mehr als eine Nacht interessierte. Die wenigen festen Beziehungen, die ich einging, scheiterten meistens entweder an meiner Unausgeglichenheit oder meinem ständig wachsenden Desinteresse für meine besseren Hälften. Keine hielt es länger als ein paar Monate mit mir aus und im Nachhinein, kann ich jede Einzelne dafür verstehen.
Als nach nur wenigen Wochen wieder eine Beziehung in die Brüche ging, war das schlussendlich mein Auslöser, um aus meiner Heimat wegzugehen und mein Glück anderswo zu suchen. Es reichte mir mit Deutschland. Ich wollte neue Erfahrungen sammeln und mein Englisch beweisen. Ich hatte viele Überlegungen und entschied mich letztlich für London. Im Sommer war die Stadt einfach traumhaft und im Winter immer noch angenehmer als zu Hause. Es regnete zwar viel, mir machte das aber nichts aus. Grundsätzlich mochte ich die Sonne lieber, gegen Regen hatte ich jedoch auch nichts einzuwenden.
In England fing ich anfangs wieder als Pfleger in einem Krankenhaus an. Schnell musste ich jedoch feststellen, dass auf der Insel die Schränke mit den guten Präparaten besser überwacht wurden als in meiner Heimat. So flog ich nach wenigen Wochen und zwei Ermahnungen aus meinem Job. Um mir meine Wohnung und das Leben leisten zu können, machte ich mich sofort auf die Suche nach einer neuen Anstellung. Da ich jedoch meine Ersparnisse nicht anzapfen wollte, es dementsprechend eilig hatte und meine Beschäftigung in Sachen Ekel auch kaum schlimmer werden konnte, rief ich bei der erstbesten Zeitungsanzeige an und wurde Totengräber. Hier waren die Menschen, mit denen ich zu tun hatte, wenigstens nicht aufbrausend und gehässig. Ich musste keine Schweinereien aufputzen und an den Tod hatte ich mich im Krankenhaus schon lange gewöhnt. Dafür waren die ständig rauen und dreckigen Hände ein Nachteil, genau wie die seltsamen Kollegen, die ich tagsüber aber kaum zu Gesicht bekam. Jeder hatte seinen Bereich, in dem er zuständig und für sich allein unterwegs war. Dabei kümmerte ich mich entweder als Gärtner um den Friedhof und die Gräber oder ich hob frische aus. Dafür war die Bezahlung gut. Vermutlich, weil nur wenige Menschen interessiert an meiner Anstellung waren. Mir gefiel die Ruhe an meinem Beruf. Niemand beschwerte sich und wenn ich wollte, konnte ich den ganzen Tag über Musik hören. Außerdem mochte ich die unzähligen Engelsstatuen, die auf dem Friedhof verteilt waren. Wenn eine dieser Steinfiguren in meiner Nähe war, fühlte ich mich aus irgendeinem Grund wohl. Für mich war es erwiesen, dass das durch meine Eltern bedingt war. Sie waren verhältnismäßig gläubig und das färbte vermutlich auf mich ab. Während meiner Kindheit zierten Engelsfiguren immer unser Haus. Wir gingen einmal die Woche zur Kirche und beteten außerdem vor dem Abendessen und dem zu Bett gehen. Als ich älter wurde und in die Pubertät kam, entfachte deswegen oft Streit mit meiner Mutter. Ich begann zu rebellieren und wollte mein eigenes Ding durchziehen, weg von der Kirche. Einfach nicht so sein wie sie.

Inzwischen war ich an meinem Appartement angekommen. Auf den Treppenstufen zu meiner Wohnungstür dachte ich nochmals über meinen Tag nach. Auf irgendeine Weise war es heute ein schwererer Arbeitstag als gewöhnlich, obwohl ich nur zwei kleine Löcher gegraben hatte, ganz zum Schluss. Es waren aber die beiden, die mir zu schaffen machten. Die kleinen Gräber sind immer am schwersten auszuheben.
Ich hatte den Tod von Kindern im Krankenhaus öfters miterlebt, daran gewöhnen konnte ich mich jedoch nie. Als Totengräber war es nicht besser, speziell wenn mein Kunde keine fünf Jahre alt geworden war. Das Schlimmste für mich war allerdings, dass ich die beiden Löcher direkt nebeneinander graben musste. Es waren vermutlich Zwillinge, denn auf dem bereits gelieferten Holzkreuz stand nur ein gemeinsamer Geburtstag. Bedauerlicherweise war aber auch ein gemeinsamer Todestag für Sarah & Alison Doe eingraviert. Ich hatte keine Ahnung, was den beiden zugestoßen war. Es musste sich aber um eine Tragödie handeln. Die Familie der beiden tat mir unendlich leid.
Solche Begebenheiten brachten mich nur noch weiter weg von der Kirche. Wie konnte ein, seine Schöpfung liebender Gott so etwas zulassen? Wie konnte er gestatten, dass Menschen hungerten und Familien durch Tod und irrsinnige Kriege auseinandergerissen wurden? Für mich war das kein liebevoller Gott. Er war gehässig und grausam. Dieses Wesen sah den Menschen vermutlich gerne beim Leiden zu. Aus welchem anderen Grund würde er, wenn es ihn überhaupt gab, einen ganzen Planeten voller Leben langsam aber sicher ins Verderben schicken? Meine Großmutter hatte mir früher öfters aus der Bibel vorgelesen und die wenigen Stellen, an die ich mich erinnern konnte, bestanden in meinen Augen nur aus Leid und Schmerz. Ich konnte das alles nicht verstehen. Vielleicht wollte ich auch einfach nicht. Es ergab schlichtweg keinen Sinn. Wie konnte die Menschheit blindlings einem Buch folgen, das von Menschen viele Jahre nach den eigentlichen Ereignissen geschrieben wurde? Wie konnte man an etwas glauben, dass man nicht sehen, fühlen oder anfassen konnte? Ich glaubte lieber an mich selbst, wobei ich damit wohl auch nicht besonders gut beraten war. Mit diesen Gedanken steckte ich den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn zweimal nach links und öffnete die Wohnungstür.
Beim Betreten meiner Wohnung stieg mir ein ungewöhnlicher Geruch in die Nase. Er roch vertraut und doch fremd. Eine leichte Mischung aus Weihrauch und Rosenduft, der aber kurzzeitig immer wieder von einem ekelerregenden Gestank übertüncht wurde. Für gewöhnlich roch meine Wohnung eher nach abgestandener Luft und Zigarettenqualm. Da ich im Untergeschoss wohnte, war Lüften alles andere als effektiv. Es herrschte schließlich nie ordentlicher Durchzug. Dieses Aroma war jedoch mehr als ungewöhnlich. Ich dachte mir allerdings nichts dabei. Was sollte schon sein? Wahrscheinlich war nur der Vermieter kurz in meiner Wohnung gewesen. Das war wohl die einfachste Erklärung, auch wenn sie keinerlei Sinn ergab.
Mit absoluter Ruhe zog ich meine Schuhe aus, legte meine Cap auf das kleine Schuhregal im Eingangsbereich und marschierte ins Wohnzimmer, das in meinem Appartement als Durchgangszimmer diente. Der Geruch verstärkte sich dabei und schien, trotz geschlossener Türen, seinen Ursprung entweder in meinem Schlafzimmer oder dem angrenzenden Bad zu haben. Um hinter den Ursprung der Duftwolke zu kommen und endlich meine Kontaktlinsen loszuwerden, verschwand ich zuerst ins Badezimmer. Dort gab es jedoch nichts Ungewöhnliches zu entdecken.
Binnen weniger Sekunden hatte ich die Linsendose geöffnet, beide Augen von der Sehhilfe befreit und mit der speziellen Lösung die beiden kleinen Behälter aufgefüllt. Mit einem Handgriff setzte ich mir dann noch die Brille auf die Nase und schon war ich zurück im Wohnzimmer.
Um dem Geruch auf die Schliche zu kommen, öffnete ich behutsam die Tür zum Schlafzimmer. Hierbei verstärkte sich mit jedem Zentimeter der Duft. Das konnte auf keinen Fall von meinem Vermieter stammen. Er war höchstwahrscheinlich auch nicht in meiner Wohnung gewesen und hätte vermutlich Bescheid gegeben, wenn er etwas benötigt hätte.
Da sich die Tür zum Bett hin öffnete, konnte ich anfangs keinen Grund für den wohlduftenden Gestank ausmachen. Erst als ich mit einem Fuß im Zimmer stand, bemerkte ich ein riesiges, umgedrehtes Kreuz mit menschlichen Umrissen, das über meinem Bett hing. Einige Stellen davon leuchteten und glühten in einem hellen, bläulichen Licht. In dem kurzen Augenblick war es in dem düsteren Zimmer jedoch kaum möglich, spezifische Details zu identifizieren. Das Kreuz erweckte jedoch einen derart perfekten Eindruck, dass es eine, von einem Künstler geschnitzte und dann bemalte sowie beleuchtete Holzfigur sein musste.
Ich erschrak, stolperte rückwärts aus dem Zimmer und zog die Tür abrupt ins Schloss. Da der Schlüssel ungewöhnlicher Weise außen steckte, sperrte ich schnell ab und mit angehender Panik überlegte ich: „Was ist das? Ist jemand in meine Wohnung eingebrochen? Habe ich den Schlüssel auf diese Seite gesteckt? Was tun? Die Polizei rufen? Selbst nachsehen?“ Ich spürte, wie innerhalb eines Augenzwinkern Adrenalin in meine Venen gelang und sich im Körper verteilt. Dabei kam mir zeitgleich eine wichtige Überlegung in den Sinn: „Ist vielleicht noch jemand in meiner Wohnung?“ Geistesgegenwärtig spurtete ich in die Küche und bewaffnete meine rechte Hand mit dem größten Messer, das ich finden konnte und die Linke mit einem Fleischerhammer. So stand ich da - die Hausschuhe an, bewaffnet und verstört. „Was passiert hier? Was geht hier ab?“, hämmerte durch meine Synapsen. Trotz geschlossener Schlafzimmertür hatte sich der Duft mittlerweile vollständige in der Wohnung ausgebreitet. Der Gestank war mittlerweile verschwunden.
Aus unerklärlichen Gründen hatte der liebliche Geruch eine beruhigende Wirkung und erzeugte ein unwirkliches, mir unbekanntes Gefühl. Einerseits pochte meine Schädel, während eine Unmenge an Überlegungen durch meine Nervenzellen schoss: „Wenn da jemand ist - werde ich angegriffen? Das muss ein Psychopath sein. Er wird sich bestimmt wehren. Auf der anderen Seite fühlte ich mich in diesem Moment völlig wohl und beschützt. Ich konnte es nicht einordnen, kannte dieses Gefühl schlichtweg nicht. Um Hilfe zu rufen hastete ich zurück ins Wohnzimmer, legte mein Messer ab und griff zum Telefonhörer. Blitzschnell wählte ich den Notruf, doch bekam nur ein monotones Geräusch zu hören. Die Leitung war tot. Geistesgegenwärtig erinnerte ich mich an den gelben Zettel, den ich einige Tage zuvor im Briefkasten gefunden hatte. Man informierte mich, dass die Leitung umgestellt wurde und ich in den nächsten Tagen teilweise kein Internet oder Festnetz zur Verfügung hatte. Wie das Leben so spielt, war das anscheinend heute. „Hatte jemand davon gewusst und damit geplant?“ Ich schob diesen Gedanken zur Seite, damit konnte ich mich später beschäftigen. Stattdessen schmetterte ich den Telefonhörer zurück in seine Halterung und griff mir ruckartig mein Mobiltelefon, das direkt danebenlag. Sofort wählte ich die 112 für den Notruf. „The person you are calling is not available at present“ , schallte mir aus dem Hörer entgegen. Ich bekam Gänsehaut. „Was zur Hölle passiert hier?“ Hektisch hackte ich die Nummer abermals ins Telefon, bekam allerdings dieselbe Antwort. „Das darf nicht wahr sein!“, flüsterte ich vor mir her, während ich zunehmend in Panik geriet und mein Mobiltelefon zitternd nach der Nummer meines einzigen Kumpels in London durchsuchte. Während das Telefon wählte, flehte ich leise vor mir her: „Tom, bitte geh ran, bitte bitte geh ran!“ - „The person you are calling is not available at present.“2 - „Fuck!“ Er hatte vermutlich das Handy ausgeschalten, war bei der Arbeit oder saß in der U-Bahn. Demzufolge war ich auf mich allein gestellt.
Seit der Gestank verschwunden war, schwellte der wohltuende Geruch stärker an. Man konnte ihn allerdings nicht als penetrant bezeichnen, sondern eher als wohlig beschreiben. „Was bleibt mir jetzt übrig?“, reflektierte ich die Situation: „Nach draußen laufen und wie ein Versager um Hilfe schreien? Garantiert nicht!“ Es blieb mir nur eine Möglichkeit: Die Tür zum Schlafzimmer aufzusperren, auf das Beste zu hoffen, und auf alles vorbereitet zu sein! Ich ließ mein Handy in der Hosentasche verschwinden, nahm mein Messer zur Hand und schlich mich wachsam zur Schlafzimmertür.
Um beim Entsperren möglichst lautlos zu sein, zog ich geschickt an der Tür, während ich den Schlüssel vorsichtig nach rechts drehte. Nach einem leisen, aber durchaus hörbaren „Klick“ war die Tür entriegelt. In Gedanken verfluchte ich das Geräusch. Möglicherweise hatte ich jedoch Glück und der Eindringling Nichts gehört. Schließlich lag das Schlafzimmer zur Straße und London war an diesem Nachmittag laut wie eh und je. Andererseits wusste er jetzt vielleicht, dass ich an der Tür war. Aus dem Schlafzimmer gab es jedenfalls keine Alternative um zu entkommen. Die Fenster waren viel zu klein.
Ich drehte den Türgriff, öffnete die Tür einen Spalt und trat dann in bester Actionfilmmanier dagegen. Der Eindringling konnte sich schließlich direkt dahinter verstecken. Die Tür sprang sperrangelweit auf und rammte mit einem lauten Knall gegen meinen Schrank, der angrenzend aufgebaut war. Ein Schwall von Weihrauch-Rosenduft kam mir entgegen. Mit rasendem Herzen spähte ich schnell durch den Schlitz zwischen Tür und Angel. Da sich in der kleinen Fläche zwischen Tür und Schrank niemand versteckte, setzte ich, leicht geduckt und mit größter Vorsicht einen weiteren Schritt in mein Schlafzimmer. Dabei riskierte ich gleichzeitig einen schnellen Blick um die Tür. Dabei ignorierte ich das Kreuz und spähte an der Front des Schrankes entlang. „Da ist niemand!“, flüsterte ich mir leise selbst zu und betrachtete in Gedanken weitere Verstecke: „Entweder er ist im Schrank oder er liegt zwischen dem Bett und der Wand zur Straße.“ Augenblicklich bemerkte ich, wie mehr Adrenalin in meine Blutbahn ausgeschüttet wurde und mein Puls weiter in die Höhe schoss. Ich konnte das Pochen förmlich in meinem Hals spüren. Mein riesiger Schwebetürenschrank bot zweifelsohne ausreichend Stauraum um zwei Personen zu verstecken. Die waren vermutlich auch nötig, um die überdimensionale Holzfigur zu bewegen. Allerdings waren die Türen schwergängig und nur mit Kraft zu öffnen. Von innen und ohne die Hilfe eines Griffs ging das wahrscheinlich nur langsam und mit hohem Kraftaufwand.
Um den Gang zwischen Bett und Wand überblicken zu können, sprang ich also voller Vertrauen und mit lautem Geschrei bis zur stirnseitigen Mitte meines Bettes. Das Messer hatte ich zum Zustechen bereit, den Fleischerhammer schwang ich über meinem Kopf. Aus dem Augenwinkel entdeckte ich, hinter dem hochgezogenen Fußteil meines Bettes, zwei große weiße Gegenstände sowie einen leuchtenden Fleck, mittig davon. Zudem konnte ich das Kreuz besser wahrnehmen. Es erinnerte mich an ein Gemälde aus einem Buch, das ich als Kind bei meiner Großmutter auf dem Dachboden entdeckt hatte. Es war viele Jahre her, dass ich die Zeichnung zum letzten Mal gesehen hatte. An die Überschrift konnte ich mich aber erinnern, als ob es gestern gewesen wäre: „Das Petruskreuz“.
Zwischen meinem Bett und der Wand konnte ich niemanden ausfindig machen und unter der Matratze konnte sich schlichtweg kein Mensch verstecken. Dort war kaum genügend Platz für einen Schuhkarton. Also kehrte ich dem Kreuz und meinem Nachtlager den Rücken und fokussierte mich auf die letzte Möglichkeit - den Schrank.
Ich fing an der linken Seite an und atmete tief durch. Ohne hinzusehen legte ich dabei den Hammer auf das abgeflachte Fußteil des Bettes und nahm das Messer in die andere Hand. Dann schob ich mit einem kraftvollen Ruck die Schranktür zur Seite, während ich zeitgleich einen Schritt nach hinten trat. Simultan machte ich mich bereit zu kämpfen und ließ einen Kampfschrei in Richtung des Schrankes los. Das Messer hielt ich fest umklammert und war bereit, mich gegen alles zu wehren, was kommen konnte. Nachdem die Tür mit voller Wucht gegen die andere Seite gekracht war, kam mir einzig und allein abgestandene Luft entgegen. Diese vermischte sich mit dem Rosenduft und war innerhalb kürzester Zeit verschwunden. Ich musterte unterdessen mit rasender Geschwindigkeit den Inhalt des Möbelstücks. Außer Bettwäsche war jedoch nichts Ungewöhnliches zu finden. Ich atmete tief durch und schob die Tür wieder in ihre ursprüngliche Position.
Dann machte ich mich daran, die andere Seite des Schrankes zu überprüfen. Zuerst legte ich mir das Messer in meine rechte Hand und schnappte mir den Hammer mit der Linken. Mein Herz raste, als ob es mir aus der Brust springen wollte. Dem Eindringling blieb keine andere Möglichkeit. Er musste sich in der Schrankhälfte verstecken. Mir zischten die wildesten Gedanken durch den Kopf: „Ist das vielleicht nur ein Streich? Bin ich bei irgendeiner überzogenen Fernsehsendung?“ Hierbei positionierte ich mich mit hastigem Atem ein Stück rechts vor dem Möbelstück. Mein Körper bebte vor Aufregung. Ich fokussierte mich kurz, dann drückte ich die Tür mit einem gekonnten Tritt gewaltvoll zur Seite. Mit einem lauten Schrei und beiden Waffen in Kampfposition erwartete ich, dass ein Angreifer auf mich stürzte. Die Schwebetür krachte allerdings abermals mit einem dumpfen Schlag gegen die andere Hälfte und der Raum verstummte auf der Stelle. Außer Kleidung war nichts und niemand in dem Schrank.
Meine Wohnung war folglich sicher und ich konnte erleichtert aufatmen. Dabei sog ich den Duft tief in meine Lungen und spürte beim Ausatmen förmlich, wie eine Last von meinen Schultern genommen wurde. Endlich konnte ich das Kreuz und die weißen Gegenstände besser inspizieren.
Durch das Leuchten waren die genauen Umrisse in dem dunklen Zimmer im ersten Moment schwer auszumachen. Daher kniff ich meine Augen zusammen und gab ihnen genügend Zeit, um sich an die Situation zu gewöhnen. Nach dem ich wiederholt geblinzelt und mich konzentriert hatte, wich ich geschockt einen Schritt zurück. Mir blieb kurzzeitig die Luft weg und mein Herz setzte einen Schlag aus. Das war keine Holzfigur, sondern eine wunderschöne Frau in einem weißen, ärmellosen Kleid, die kopfüber von meiner Wand hing!
Sie war mit riesigen Nägeln durch ihr bodenlanges Kleid und den Füßen an die Mauer gekreuzigt worden. Dabei hing ihr Kopf nach unten und ihre Arme waren zu einem Kreuz ausgebreitet. Als Fixierung hatte man dieselben Stahlstifte durch die Handgelenke getrieben. Die Kehle war vollständig durchtrennt und ihr Rumpf auf der rechten Seite verletzt. Hier konnte man einen Riss im Kleid erkennen, dessen Rand bläulich eingefärbt war, darunter leuchtete die Wunde. Um den Körper abzustützen, hatte man auch durch die Schultern jeweils einen Stift in die Wand gehämmert. Diese ragten vergleichsweise weit aus dem Körper, während die anderen bis auf die Haut versenkt worden waren. Es handelte sich allerdings nicht um Nägel aus dem Baumarkt, sondern um handgefertigte Exemplare. Vor Jahren hatte ich einen Schmied auf einem Mittelaltermarkt ähnliche, daumendicke Stahlnägel herstellen sehen. Diese Form gab es wohl nirgendwo zu kaufen.
Das wunderschöne Gesicht der Frau war von Symbolen entstellt, die in beide Backen und die Stirn geritzt worden waren. Die tiefblauen Augen hielt sie weit aufgerissen und starrte ins Leere. Ihre Lippen waren purpurrot und zogen meine Aufmerksamkeit flüchtig auf den kleinen Mund. Die Stirn war mit einem, auf dem Kopf stehenden Kreuz entstellt, das bis auf den Knochen eingeritzt worden war. Zusätzlich hatte jemand zwei Zeichen in die Wangen geschnitten, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Diese Symbole bestanden aus mehreren geraden Linien verschiedener Längen, die sich alle in einem Punkt schnitten. Trotz allem bluteten die Gesichtswunden nicht. Nur ein bläuliches Licht drang aus ihnen. Ich hatte in meiner Karriere als Pfleger schon vieles gesehen, hier musste ich mich allerdings zusammenreißen, um mich nicht zu übergeben. Der Schock saß tief, ich konnte es nicht erklären.
Die riesige Wunde am Hals war von allen Verletzungen die größte Quelle des Lichts. Der Kopf hing offensichtlich nur noch am Rückgrat und stütze sich an der Wand ab. Alles nur wenige Zentimeter von meinem Kissen entfernt, wo mein Kopf in der Nacht zuvor gelegen hatte. Zusätzlich zu dem strahlenden Licht floss eine bläuliche Flüssigkeit aus der klaffenden Wunde. Diese zog sich über das Kinn, knapp vorbei an ihrem Mund und über das restliche Gesicht. Von dort aus bahnte sich die Substanz ihren Weg über die Schläfe und lief entlang der gelockten, blonden Haare bis auf mein Kopfkissen. Meine Augen folgten dem Rinnsal weiter, bis zur Mitte meines Bettes, wo sich eine kleine Pfütze gebildet hatte. Diese leuchtete zwar auch, allerdings mit weit weniger Kraft als die Wunde selbst. Rechts und links von der Pfütze lagen zwei Objekte aufgebahrt, die mich an Flügel erinnerten. Sie hatten einige Ähnlichkeiten mit denen eines Vogels, waren jedoch weit größer und wirkten muskulöser. Das Federkleid war beinahe perfekt und es schienen nur wenige, der schneeweißen Federn zu fehlen. An den Flügeln konnte man oberarmdicke Gelenke erkennen, mit denen die Schwingen vermutlich zum Fliegen bewegt wurden. Direkt an dem, mit feinen Daunen übersäten Gelenk konnte man deutlich ablesen, dass die Flügel aus ihrer einstigen Position gerissen worden waren. Hier hingen zerfetzte Muskeln und Sehnen herab und die Stummel waren mit der Flüssigkeit verschmiert. Selbst jemand ohne medizinischen Hintergrund konnte hier zweifelsohne bestätigen, dass rohe Gewalt am Werk war. Trotz der Brutalität sah das Zusammenspiel aus dem blauen Leuchten und den weißen Flügeln im Kontrast zu meiner schwarzen Bettwäsche wie ein ungewöhnliches Kunstwerk aus.

Aus dem Nichts hallte es wie eine Eingebung durch meinen Kopf: „Erzengel Haniel ist tot“. Mir schossen Tränen in die Augen, ich sah schwarz und sackte zusammen.


Wenn ihr durch das erste Kapitel Lust auf mehr bekommen habt, könnt ihr oben als Downloadversion das vollständige Buch herunterladen.
Viel Spaß beim Lernen!