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13. Februar 2018

Ecuador: Mompiche

Wie kommt man auf Mompiche?

Reisen bildet, sagt man. In Mompiche habe ich einiges dazugelernt, vor allem den Umgang mit Ressourcen. Fangen wir aber am Anfang an:

Um außerhalb Deutschlands überwintern zu können, suchten wir nach einem Housesitting in einem warmen Land. Das Konzept Housesitting bedeutet, dass einem eine Privatperson seine Wohnung oder Haus überlässt, während der oder die Gastgeber auf Reisen sind. Im Gegenzug für die kostenlose Unterkunft kümmert man sich um die Pflanzen und Tiere, je nachdem was anfällt. Für uns war es ein nettes Experiment, das wunderbar funktioniert hat. Nachdem wir uns bei einigen Leuten überall auf der Welt beworben hatten, fiel die Entscheidung auf eine tasmanische Autorin, die mit drei Katzen im schönen Ecuador lebt. Sie hat ihr eigenes Öko-Haus entworfen und bauen lassen, verwendet gefiltertes Regenwasser als Trink- und Leitungswasser, besitzt keinen Kühlschrank und auch sonst wird naturbewusst und aus dem eigenen Garten gelebt.

Der Weg nach Mompiche

Über Madrid flogen wir nach Guayaquil, Ecuadors größter Stadt mit etwa 2,4 Millionen Einwohnern. Um an die Pazifikküste zu gelangen, verbrachten wir danach nochmals 14 Stunden in verschiedenen Busen. Aufgrund unserer fehlenden spanischen Sprachkenntnisse waren wir relativ hilflos beim Umsteigen oder Tickets kaufen, doch die Einheimischen waren immer hilfreich und zeigten uns den richtigen Weg oder Ablauf. Vor dem Abflug hatten viele Bekannte erwähnt, dass Ecuador viel zu gefährlich sei, man uns nur ausrauben oder Schlimmeres antun würde. Im Nachhinein ist genau Nichts passiert, ganz im Gegenteil: Im ganzen Land haben wir nur nette und zuvorkommende Menschen kennen gelernt. Wir hatten immer ein Gefühl der Sicherheit und Ehrlichkeit scheint in dem Land groß geschrieben zu werden! Schwarze Schafe gibt es garantiert, uns ist allerdings keines (!) über den Weg gelaufen.

An einer Bushaltestelle mitten im Nichts wurden wir schlussendlich von unserer Gastgeberin Roni und einem Taxifahrer erwartet. Zum Abschluss fuhren wir dann nochmals 20 Minuten mit dem Taxi in das kleine 1000 Seelen Dorf. Übrigens hat Mompiche eine ungewöhnliche Demografie: Etwa 400 Erwachsene und 600 Kinder leben in dem kleinen Nest an der Küste.

Das Dorf und seine Atmosphäre

Es sind vorwiegend Backpacker und Surfer, die nach Mompiche kommen. Man trifft aber auch viele Öko-Touristen oder Ecuadorianer im Badeurlaub, denn, außer Natur hat das kleine Nest nicht viel zu bieten. Es gibt hier nur Entspannung, fernab von der sonstigen Hektik des Landes. Im Dorf herrscht ein freundliches Miteinander und Jeder kennt jeden. Auch als Fremder wird man, sobald man über die einzige betonierte Straße entlang der kleinen Shops und Geschäfte läuft, von allen Seiten herzlich begrüßt – als ob einen das ganze Dorf empfängt.

Ansonsten besticht das Stadtbild aus heruntergekommenen, eingefallen oder geflickten Häusern, sandigen Straßen, freilaufenden Hühnern und (vermeintlich) streunenden Hunden. Durch die Gebäude wird man oft an das verheerende Erdbeben im April 2016 erinnert, das in Mompiche zwei und in Ecuador 659 Leben gekostet hat. Trotzdem sind die Menschen äußerst lebhaft, man kommt schnell ins Gespräch und fühlt sich willkommen. Spanisch sprechen ist allerdings vorausgesetzt, Englisch kann kaum einer.

Viele Touristen, die wir kennen gelernt haben, wollten eigentlich nur eine Nacht in dem Dorf verbringen, meistens wurde es mindestens drei Tage, andere blieben über eine Woche. Ein Pärchen haben wir getroffen, das eine Woche nach der Abreise wieder im Dorf unterwegs war – weil es ihnen einfach so gut gefallen hat. Die meisten ausländischen Bewohner sagen selbst, dass sie nur für einen Tag das Dorf besuchen wollten, verlängert haben und nach einigen Besuchen schlussendlich geblieben sind.

…seine Strände…

Am wunderschönen Strand vor dem Dorf gibt es viel Platz, zumindest bei Ebbe. Bei Flut steigt das Meer teilweise über die Uferpromenade, erreicht allerdings kaum die Häuser. Da der Meeresspiegel jedoch stetig ansteigt, werden in einigen Jahren Häuser, die jetzt in dritter Reihe stehen, Meerblick haben. Nur einige Minuten den Sandstrand entlang bricht übrigens Ecuadors beste Welle als Pointbreak und ermöglicht einen relativ langen Wellenritt. Surfer sind hauptsächlich in der Session zwischen November und März vor Ort. Etwa 20. Minuten zu Fuß die Hauptstraße entlang befindet sich außerdem die Playa Negra – der schwarze Strand. Der Sand ist, wie der Name schon sagt, schwarz und soll angeblich heilende Kräfte besitzen – sagt man. Trotz seiner Schönheit ist übrigens relativ wenig los und der Strand eignet sich wunderbar als ein entspanntes Ausflugsziel.

…die Tierwelt…

Bedingt durch den großen Garten und die Nähe zum Dschungel kamen wir oft mit verschiedenen Tieren in Kontakt. Neben Iguanas, Kolibris und Schmetterlingen waren auch Fledermäuse, Frösche und Schlangen dabei. Außerdem hatten wir Krabben im Garten, die sich von herabfallenden Früchten ernährten und sich gerne ins Haus schlichen. Neu für mich war die Begegnung mit einer „24-Stunden-Ameise“. Ihr Stich soll der schlimmste, den Menschen bekannte Schmerz sein. Dieser hält etwa 24 Stunden an und soll sich anfühlen als ob man lebendig verbrennt – einen ganzen Tag lang. Im Englischen heißt das Tier „Bullet-Ant“ – die Gewehrkugel-Ameise – vermutlich aus Gründen.

In Erzählungen wurde mir davon berichtet, dass, wenn man gestochen wird, hauptsächlich zwei Gedanken durch denk Kopf kreisen: Selbstmord oder das Abschneiden der betroffenen Gliedmaße – so unerträglich müssen die Schmerzen sein. Für gewöhnlich wird Morphium verabreicht um die schlimmste Phase, die ersten 12 Stunden, zu überstehen. Bei den südamerikanischen Eingeborenen werden die Ameisen übrigens zu rituellen Zwecken genutzt: Nur die, die die Schmerzen ertragen, können Führungspositionen erreichen. Im Ritual ziehen sich die Jungen/ Männer Handschuhe an, in die betäubte Ameisen eingearbeitet sind. Für bis zu 30 Minuten müssen die Handschuhe dann getragen werden und das Ritual wird bis zu 25 Mal (!) wiederholt.

…und eine Raupe

Was ich auch nicht kannte, war eine Insektenart (mir immer noch unbekannt, könnte laut Internet eine Wespe gewesen sein), die ihre Eier parasitär in Raupen ablegt. Zufällig krabbelte eine infizierte Raupen bei uns am Treppenaufgang entlang, als die Larven zu schlüpfen begannen. Sie bohrten sich durch die Haut der Raupe nach außen, während diese als eine Art Bodyguard die Larven vor ankommenden Fressfeinden verteidigte. Hier hat vermutlich der Parasit die Kontrolle über den Wirt übernommen. Ein wirklich perfider Trick, der aber von einigen Parasiten angewendet wird. Zum Fressen kamen die frisch geschlüpften Larven übrigens nicht, nach dem Tod des Bodyguards war binnen Sekunden eine kleine Armee von Ameisen anwesend und trug die frisch geschlüpften Larven einfach davon. Fressen und Gefressen werden, würde ich sagen.

Das Haus

Ronis Haus ist eine Besonderheit. Sie hat sich selbst ihr Traumhaus entworfen und kommt ohne großen Luxus aus. Es gibt kaum Steckdosen, keinen Kühlschrank und zur Wasserversorgung wird das Regenwasser in einem 500 l Tank aufgefangen und zu einem Zweiten in den ersten Stock  gepumpt. Von dort läuft das Wasser dann durch Filter nach unten zu den Hähnen und kann bedenkenlos getrunken werden. Zum Haus gehört noch ein großer Garten in dem Bananen, Ananas, Papayas und Passionsfrüchte wachsen. Gekocht wird mit Gas und eingekauft nur, was am selben Tag benötigt wird. Die Auswahl in den Shops ist beschränkt, bietet aber alles für den täglichen Gebrauch. Das Nötigste wie Brot, Milch, Eier, Obst und Gemüse ist immer verfügbar, andere Dinge wie Schinken oder Käse aber nicht.

Obwohl das Haus auf zwei Seiten offen ist, ist es von außen schwer einsehbar. Von innen hat man jedoch einen wunderbaren Blick auf die Straße und die Umgebung. So konnten wir an Silvester vom Wohnzimmer aus das Feuerwerk genießen und noch eine Besonderheit Ecuadors erleben: An Silvester werden traditionell menschenähnliche Pinatas mit den alten, verbrauchten Klamotten des vergangenen Jahres vollgestopft und zu Mitternacht angezündet. Ein schöner Anblick, wenn im Dorf Flamen hochschlagen und ein komisches Gefühl zugleich, wenn man aus einer Hängematte zusieht.

Essen in Ecuador

Zum Frühstück wird an der Küste Ecuador hauptsächlich Encebollados gegessen. Das ist eine Fischsuppe mit Yuca, Zwiebeln und Koriander. Ansonsten gibt es überall den „Katerkiller“ Ceviche – roher Fisch oder Meeresfrüchte, mariniert mit Zitrone, Zwiebeln, Tomaten und Kräuter. Als Beilage dazu werden Popcorn oder Chifles (Bananenchips) gereicht. Das Nationalgericht Ecuadors ist  aber unbestritten Cuy. Dieses Gericht wird hauptsächlich in den Anden serviert und klingt für einen Europäer einfach nur falsch:  Ein gegrilltes Meerschweinchen wird mit Kartoffeln, Salat und Tomate in einer Erdnusssoße serviert. Seit ein Skandal das Land erschütterte, ist die Spezialität allerdings kaum noch verfügbar: Rund die Hälfte der servierten Meerschweinchen sollen Ratten gewesen sein. Preislich liegt man für ein Cuy bei etwa 12 Dollar. Ein normales Gericht schlägt dagegen mit etwa 3-8 US-Dollar zu Buche, meistens ist darin sogar ein Getränk enthalten.

Tägliches Leben – ganz anders

Wir wussten was auf uns zukommt, haben uns gut angepasst und es hat Spaß gemacht. Das tägliche Leben in den sieben Wochen Mompiche war eine ungewöhnliche, aber schöne Erfahrung. Mein Alltag bestand, neben frischen Fisch von den Fischern am Strand holen aus Bananenstauden mit der Machete ernten, nervöse Krabben aus dem Pool retten und den Tag in einer Hängematte verbringen. Wir kochten unsere Mahlzeiten immer frisch, kauften und aßen jede Menge Obst von einem Truck, der wöchentlich am Haus vorbeifährt und beobachteten die vorbeiziehenden Tiere. Positiv war auch, dass wir uns durch die Auswahl unseres Housesittings quasi selbst gezwungen haben, an uns zu arbeiten. Ich habe mir ehrlich gesagt nie über meinen Wasserverbrauch Gedanken gemacht. Es war immer verfügbar und einfach selbstverständlich. Nachdem ich aber einige Zeit vom Regen abhängig war, hat sich das geändert und ich bin froh, dass es so war. Das Wasser ging uns zwar zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd aus, aber zu wissen, dass es könnte, hat mich sozusagen auf einen Denkansatz gestoßen. Inzwischen spare ich mir viel Zeit in der Dusche und versuche immer und überall so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen. Ich weiß, dass das nicht besonders viel ist, aber für mich ein Einfang.

Ich kann jedem ausdrücklich empfehlen, einmal im Leben so etwas mitzumachen – die Erfahrung hält an. Wer Lust auf das Dorf bekommen hat oder sogar im Öko-Haus übernachten möchte: Es heißt Secret Garden Mompiche, besitzt eine Facebookseite und wird auch als AirBnb genutzt.

Im Anschluss an Mompiche fuhren wir über Attacames nach Otavalo. Dort gibt es den ältesten Markt Südamerikas, eine Flugshow mit verschiedenen Vögeln und jede Menge Coca-Tee. Darüber dann mehr im nächsten Beitrag.

C-L

 


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